Beispiele deutscher KMUs, die neue Wege gefunden haben, ihr Exportwachstum zu finanzieren

„Es gibt Berichte über Firmen, die mit externer Finanzierung erfolgreich expandieren, doch generell bleibt der Mittelstand bei Finanzierungsfragen ausgesprochen konservativ.“

2013 hat die PTF Pfüller GmbH, der Stollberger Hersteller von Präzisionsteilen, mit der Eröffnung eines Vertriebsbüros in Sturtevant, Wisconsin, den ersten Schritt auf den US-Markt gemacht. Laut Geschäftsführer Oliver Zintl will der deutsche Mittelständler damit seine US-Exporte ankurbeln. Wenn alles planmäßig abläuft, folgt in den kommenden fünf Jahren ein Fertigungsstandort mit 50 Mitarbeitern.

Um sein Exportwachstum zu finanzieren, hat PTF einen für deutsche KMUs eher ungewöhnlichen Weg gewählt. Denn der Mittelstand – meist familiengeführte KMUs mit starker Exportorientierung – zieht es im Allgemeinen vor, seine Auslandsengagements aus Eigenmitteln zu finanzieren. PTF hingegen hat 2011 eine Finanzierung von Silver Investment Partners erhalten, einem auf KMUs spezialisierten Eigenkapitalinvestor. Seitdem ist das Unternehmen schnell gewachsen. Es hat an seinen deutschen Standorten und im chinesischen Suzhou 500.000 € in neue Maschinen investiert, zwei deutsche KMUs übernommen und ein Vertriebsbüro in Wisconsin eröffnet.

Trotz solcher Erfolgsgeschichten von Firmen, die mit externer Finanzierung expandieren, bleibt der Mittelstand generell bei Finanzierungsfragen ausgesprochen konservativ. Unternehmen wie PTF stellen eine Ausnahme dar. Eine Studie der Deutschen Bank zeigt, dass deutsche KMUs ihre Expansion ins Ausland immer mehr mit Eigenmitteln finanzieren und immer weniger über Bankdarlehen oder externe Quellen.1

Exportwachstum aus einbehaltenen Gewinnen zu finanzieren hat etliche Vorteile. Diese Finanzierungsform ist mit Steuererleichterungen verbunden. Es sind keine Bankzinsen zu zahlen. Der Inhaber muss dem Investor keine Anteile überlassen. Außerdem passt die interne Finanzierung auch zu dem Bestreben der meisten deutschen Mittelständler, langfristig unabhängig zu bleiben.

Auf der anderen Seiten kann die Finanzierung durch einbehaltene Gewinne das Exportwachstum eines KMUs verlangsamen, sodass es Marktchancen verpasst. „Es wird manchmal gesagt, dass deutsche KMUs nicht sehr gewinnorientiert seien“, sagt Dr. Michael Lloyd, Senior Research Fellow beim Global Policy Institute, einem Forschungsinstitut der London Metropolitan University. „Allerdings reinvestieren deutsche KMUs oft bis zu 90 % ihrer2 Überschüsse in das Wachstum ihres Unternehmens. Die Mentalität deutscher Unternehmer ist eher auf langsames, aber stabiles Wachstum ausgerichtet.“

Für einige Unternehmen, wie PTF, reicht „langsam, aber stetig“ nicht aus, um die Chancen in sich schnell verändernden Märkten zu ergreifen. Um die Kosten für das Ausloten neuer Märkte, die Entwicklung neuer Technologien für die Ausfuhrmärkte, die Erweiterung der Produktionskapazitäten, den Ausbau des Lagerbestands oder die Optimierung der Lieferkette für den Export abzudecken, suchen einige deutsche KMUs externe Finanzierungen. Viele wenden sich dafür an lokale Genossenschaftsbanken und Sparkassen. Wie ihre mittelständischen Kunden investieren diese Banken gern langfristig. Nicht selten haben ihre Exportfinanzierungskredite Laufzeiten von 20-30 Jahren. Die Zinssätze sind risikoabhängig; sie richten sich nach den Gegebenheiten beim Kreditnehmer.

Die meisten KMU-Kreditnehmer in Deutschland können damit gut leben. In Deutschland werden rund 82 % der Bankkreditanträge von KMUs genehmigt, bei britischen KMUs sind es nur 50 %.2 Aber es gibt Hürden für kleine Antragsteller – in Deutschland und in Europa. Laut Europäischer Zentralbank erhalten größere europäische KMUs eher Bankdarlehen als kleinere.3

Wenn Banken zögern, ein Darlehen zu gewähren, können sie ein Mezzanin-Darlehen anbieten, bei dem der Darlehensgeber Anteile am Unternehmen übernimmt, wenn das Darlehen nicht zurückgezahlt wird. Sie können auch Eigenkapital anbieten, wie bei PTF, mit dem der Geldgeber unmittelbar Anteile erwirbt. Wenn sie die Wahl haben, entscheiden sich deutsche Unternehmen jedoch selten für diese Optionen. Sie ziehen einfache Darlehen vor, um ihre Anteile nicht zu verwässern.

Start-ups, die naturgemäß keine Erfolgsgeschichte vorzuweisen haben und keine einbehaltenen Gewinne nutzen können, haben die größten Schwierigkeiten, Bankdarlehen zu erhalten. Einige von ihnen haben jedoch innovative Lösungen gefunden. So musste beispielsweise Walter Haimerl, Geschäftsführer von Haimerl Lasertechnik, einem Start-up für Laserschneiden und Laserschweißen in Leonberg, eine andere Quelle finden, nachdem seine Bank einen Kredit über 500.000 € abgelehnt hatte, mit dem er einen Laserschneider kaufen wollte, um die Produktionskapazität zu erhöhen.

Haimerl wandte sich an den Hersteller der Schneidemaschine, die Firma Trumpf in Stuttgart. Mit den Trumpf-Finanzierungsservices unterstützt sie Firmen bei der Anschaffung ihrer Produkte. Laut Nicola Leibiger-Kammüller, der Vorsitzenden der Geschäftsführung von Trumpf, versteht das Unternehmen das Geschäft seiner Kunden, und das Risiko ist niedrig. Falls ein Kreditnehmer seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommt, kann Trumpf die Maschine zurücknehmen. Andere Firmen, die teure Anlagen verkaufen, wie der Münchner Siemens-Konzern, bieten ähnliche Finanzierungsoptionen für Start-ups und etablierte KMUs, die ihre Ausfuhrkapazitäten erhöhen wollen.

Einige wenige deutsche KMUs, insbesondere Start-ups in der Hightech-IT, bemühen sich auch um Wagniskapital, müssen aber oft feststellen, dass ihr Geschäft nicht groß genug ist, um für diese Investoren interessant zu sein. Das Investitionsvolumen in Deutschland ist mit durchschnittlich 780.000 € oft zu klein, um das Interesse von Wagniskapitalgebern zu wecken, die an die hohen Investitionen US-amerikanischer Start-ups von durchschnittlich 6 Millionen € gewöhnt sind. Auch können sich nur wenige Risikokapitalgeber mit der langfristigen Break- Even-Planung deutscher Start-ups anfreunden. Selbst Kapitalgeber in Deutschland, die mit dem langfristigen Denken ihrer Landsleute vertraut sind, erwarten, dass ein großer Teil ihrer KMU-Investitionen sich innerhalb von 18 Monaten amortisiert.4

Neben Bankdarlehen, Herstellerkrediten und Wagniskapital nutzen einige deutsche KMUs auch die Kapitalmärkte – durch die Emission von Aktien und Wertpapieren – für die externe Finanzierung. Thomas Schaffer, Chief Financial Officer des Biopharma-Unternehmens Biofrontera in Leverkusen, berichtet, dass seine Firma ihr weltweites Wachstum über die Kapitalmärkte finanziert hat. Das Unternehmen ist seit 2007 an der Frankfurter Börse notiert und seit 2014 an der AIM, der Londoner Börse für kleine Unternehmen.

Die Notierung an der AIM hat Biofrontera Zugang zu institutionellen Anlegern in Großbritannien verschafft – zum Preis einiger hunderttausend Euro an Gebühren für die Börsenzulassung, Anwaltshonorare und Buchhaltungskosten. „Es gibt nur wenige institutionelle Anleger, die in kleine Firmen oder in Biotechnologie in Deutschland investieren“, erläutert er. „Sie interessieren sich eher für die großen, namhaften Unternehmen.“ In Großbritannien gebe es erfahrene Investoren, die daran interessiert sein könnten, das globale Wachstum nicht-britischer Unternehmen zu finanzieren, fügt er hinzu. Sie bestehen aber auf einer Notierung an der Londoner Börse. Die Börsennotierung in London hat Biofrontera geholfen, eine stärkere Aktionärsbasis aufzubauen, um seine weiteren Exportpläne zu finanzieren, einschließlich einer Expansion in die USA, falls seine Produkte die Zulassung der US Food and Drug Administration erhalten.

Laut Schaffer wäre das langsame Vorgehen, das viele seiner Landsleute bevorzugen, für seine Firma nicht realistisch. „Biofrontera muss die Patente auf seine Produkte verwerten, bevor sie auslaufen“, sagt er. „Das erfordert den Zugang zu großen, sachkundigen Investoren.“





1 „Making a difference: German SMEs and their financing environment, “ 2013. DB Research
2 „FSB Voice of Small Business Index, “ 3. Quartal 2014, Federation of Small Businesses, Großbritannien
3 „Survey on the access to finance of small and medium-sized enterprises in the euro area, “ 2014. Europäische Zentralbank
4 „A slow climb: business creation in Germany “, 5. Oktober 2013, The Economist